Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Alles rund ums Drehbuch schreiben und die richtige Dramaturgie für Film & TV

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Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon hartlaubd » Do Jun 24, 2010 13:29

Hallo zusammen!

Ich habe vor, ein Drehbuch für einen Kurzfilm zu schreiben.
Bisher habe ich aber immer nur in Spielfilm länge geschrieben.

Nun meine Frage: gibt es beim schreiben für Kurzfilme irgendwelche Besonderheiten? Dinge, die ich unbedingt vermeiden sollte?

Bin für jede Antwort dankbar.

Grüße
hartlaubd
 
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon djMedia » Mo Jun 28, 2010 0:34

Ich wundere mich... in Spielfilmlänge geschrieben und keine Ahnung, wie man einen Kurzfilm schreibt?

So gefragt: hast du schon Filme geschrieben, die dann auch tatsächlich gedreht wurden? Wenn man dies erreicht hat, dann herrscht doch zumindest eine Grundahnung, wie man Kurzfilme schreibt.

Ich kann dir keine To-Do-Liste geben, aber grundsätzlich hilft es manchmal sehr gut, wenn man sich einfach mal Szenen in Spielfilmen oder Serien anschaut, die auch für sich alleine stehen könnten. Ich meine damit zum beispiel die Szene in "Reservoir Dogs", wo Mr. Orange die Anekdote auswendig lernt und nacherzählt.

Auch schön:
Breaking Bad, Staffel 2, Folge 8: http://www.youtube.com/watch?v=k0awYP21rdY
Schultze gets the Blues: http://www.youtube.com/watch?v=Q2ZrObMpjC8

Kurzfilme haben wenig Zeit, das heißt dass Charakterentwicklung schwierig ist und z.T. ins Klischee abdriftet. ist aber nicht schlimm, denn durch eine Pointe haut man es raus. Kurzfilme sind dann am besten, wenn sie eine Pointe haben, ob lustig, traurig, überraschend oder dramatisch.
Aber wie gesagt: Gute Filme in Spielfilmlänge berücksichtigen das auch schon in Einzelszenen. Viele Szenen haben auf irgendeine Art und weise eine ähnliche Struktur von Anfang, Mitte und Ende.

"Kurzfilm" ist auch ein weites Feld... das kann alles sein, von einer Minute bis zu Dreißig. Von welcher Länge sprechen wir hier?

Ich würde sagen: Geh doch mal von deinen Langspielfilm-Ideen aus. Denk dir eine Szene aus, in der dein Held in eine abstruse Situation gerät, die sich irgendwie löst... die auch in anderen Geschichten passieren könnte, die auch ohne den Gesamtzusammenhang funktioniert - eben wie die verlinkten Beispiele. Diese "Was wäre wenn" Momente.

Was wäre, wenn du jetzt eine Fliege töten willst, dabei dein ganzes Zimmer verwüstest, weil du das Mistvieh nicht kriegst... Dann kriegst du sie und im fernsehen kommt "Mysteriöses Stubenfliegen-Sterben. Wissenschaftsgruppe zahlt für jedes lebende Exemplar 100.000€" Und da liegt sie, die tote Fliege.
Blödes Beispiel, grad aus den Fingern gezogen, aber du weißt schon.
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon Dr Slag PhD » Mo Jun 28, 2010 9:35

Die für mich wichtigste Regel - für Kurzfilme wie für Langfilme - ist: Erzähl' etwas Interessantes.

Ein Kurzfilm kann alles sein, was du willst. Der Kurzfilm kann eine Spielfilmhandlung mitsamt der dazugehörigen Struktur im Miniformat sein. Der Kurzfilm kann ein "gespielter Witz" sein. Der Kurzfilm kann ein Experiment sein, oder die Beleuchtung einer Idee. Er kann aus einer einzigen Szene bestehen. Oder über Stimmungen, Eindrücke, assoziative Elemente funktionieren und muß dabei nicht narrativ sein.
Wie dein Kurzfilm aufgebaut ist, hängt natürlich absolut davon ab, was du überhaupt erzählen oder zeigen möchtest.

Ich möchte den Gedanken, daß ein Kurzfilm dann am besten ist, wenn er eine "Pointe" hat, allerdings ein wenig abschwächen. Eine Geschichte - Kurz- oder Langfilm, Kurzgeschichte, Roman, egal - braucht ein befriedigendes Ende. Damit meine ich kein alles auflösendes Ende oder einen definitiven Schlußpunkt, sondern den Punkt, an dem es sich natürlich anfühlt, daß die Geschichte zuende ist, weil der narrative Bogen (oder die Ausarbeitung des Konzepts) abgeschlossen ist (und: überhaupt zu etwas geführt hat).
Nicht jede Geschichte braucht eine Überraschung (Pointe) am Schluß. Viele witzige Geschichten arbeiten auf die eine Pointe hin, die dann leider entweder sehr müde ist oder schon meilenweit abzusehen war. Andere Geschichten arbeiten zwanghaft auf einen Twist, eine Überraschung, hin, der selten etwas Substantielles hinzufügt, anstatt einfach nur dem Zuschauer ein "Ätsch" mitzuschicken. Und am Schlimmsten sind die "Pointen", wo alles vorige eigentlich überflüssig war, wo es wirklich nur auf einen Schmäh hinausläuft und das davor Gezeigte, in das ich mich als Zuseher hineinversetzen soll (emotional, gedanklich), beliebig austauschbar wäre oder eine beliebige Länge hätte haben können. Das heißt nicht, daß dein Schluß nicht ein "Knüller" sein kann. Oder vielleicht sogar sollte - das hängt natürlich auch wiederum von der Geschichte bzw. dem Konzept ab.
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon djMedia » Mo Jun 28, 2010 22:49

Gut, sicher kann man das relativieren... Das Problem an Kurzfilmen ist einfach, dass man so wenig Zeit für das Etablieren von Figuren und komplexere Spannungsbögen hat. Kurzfilme müssen auf den Punkt sein und deshalb ein hohes Maß an Nachvollziehbarkeit bieten. Identifikationsfläche, Platz für Empathie etc.

Nehmen wir mal Lola Rennt: 100.000 DM weg, 20 Minuten Zeit sonst Freund tot. Das knallt sofort, weil es so nachvollziehbar ist.. wir leiden sofort mit. Oder meine verlinkten Beispiele: Wir haben null Ahnung von den Figuren, aber was die da tun ist deutlich. Klar, ein Drogendealer hat Schiss, erwischt zu werden. Ein Opa geht dreimal das Radio an- und ausmachen... natürlich, der mag die Musik und will sich das nicht sofort eingestehen.

Naja, wir verstehen uns. ;)
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon Dr Slag PhD » Di Jun 29, 2010 12:00

Ich mag ja übrigens dein Stubenfliegen-Beispiel :-) Mit ein paar Verfeinerungen an der Pointe hast du da einen witzigen Kurzfilm (allerdings auch einen aufwendigen, denn die Geschichte wird ja umso witziger, je gründlicher die Verwüstung ist). Vielleicht kriegt nur der Zuseher mit, daß die lebendige Fliege Geld bringen würde (der Fernseher läuft, der Protagonist schaut nicht hin), und die Hauptfigur ist dann am Ende enorm stolz, sich des lästigen Viehs entledigt zu haben :-) Daraus könnte was Nettes über die Diskrepanz zwischen Aufwand und Anlaß bzw. auch Ergebnis entstehen ...

Es stimmt, im Kurzfilm ist wenig Zeit, allzuviel über die Figuren zu erzählen. Freilich bietet aber letztlich auch der Spielfilm ja immer nur ein kleines Fenster ins Leben eines Menschen, und in vielen Langfilmen wird wie im Kurzfilm gleich in medias res begonnen, um die Figuren über die Situation zu definieren - oder es wird nur ein kurzer Abschnitt in ihrem Leben gezeigt, in dem wir sie kennenlernen: Linklaters BEFORE SUNRISE zum Beispiel, oder Altmans GOSFORD PARK (natürlich viele der anderen Altman-Ensemblefilme ebenso), oder Polanskis DER TOD UND DAS MÄDCHEN. Eigentlich ist hier wie da ein geschicktes Zeichnen von Figuren gefragt - das kann über Orte, Einrichtungen, Kleidung, Gegenstände, Beruf, Angewohnheiten, Hobbies usw. mitunter sehr schnell und elegant gemacht bzw. angedeutet werden. Effektives Erzählen ist insofern eigentlich beim Kurz- wie beim Langfilm gleich (dein Beispiel aus LOLA RENNT zeigt das ja auch).

Mir selbst ist immer wichtig, daß ich den Eindruck kriege, daß die Figuren auch außerhalb des Frames leben. In vielen Geschichten sind die Figuren nur Zahnräder im Plot; man kriegt nie das Gefühl, daß sie außerhalb dieses Mechanismus überhaupt existieren, Leidenschaften haben, Ängste, Freunde, Familie, whatever. Das können mitunter einfach Kleinigkeiten sein: Die Einrichtung eines Zimmers zeigt uns, wer jemand ist, weil sich dort vielleicht Gegenstände über viele Jahre angesammelt haben - oder, wie zuletzt z.B. in UP IN THE AIR sehr effektiv eingesetzt, weil das Zimmer völlig leer und kahl gehalten ist.
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon Dr Slag PhD » Di Jun 29, 2010 12:05

Nachtrag:
William Martell hat auf seiner sehr empfehlenswerten Seite "Script Secrets" heute zufällig einen Text über das Schreiben von Kurzfilmen:
http://www.scriptsecrets.net/tips/tip347.htm
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon djMedia » Di Jun 29, 2010 13:36

Ich kann deinen Ausführungen nur vollkommen zustimmen. Was mir bei der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson allerdings aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass Literaturverfilmungen nochmal eine ganz andere Würze reinbringen, weil Bücher oft so ungleich komplexer sind... immer sehr spannend.

Wie dem auch sei: das Beispiel mit der Fliege ist in Breaking Bad wunderbar umgesetzt. Da gibt es eine Folge, die nur im Drogenlabor spielt und Walter White jagt diese dumme Fliege. Man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht... und vergeht... und plötzlich ist die Folge zuende. Ein schönes Kammerspiel. :mrgreen:

Text muss ich später lesen... grad keine Zeit... so long.
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Re: Besonderheiten für ein Kurzfilmdrehbuch

Neuer Beitragvon Anteeru » Mo Jul 26, 2010 16:33

Mein Tipp: Schau dir mal ein paar Anthologie-Serien an. Sachen mit neuen Charakteren, Schauplätzen und Geschichten in jeder neuen Folge. Die Original Schwarzweiß-Fassung von The Twilight Zone oder aber Night Gallery oder aus den 80ern Unglaubliche Geschichten (z.B. die Scorsese-Episode, die beiden Spielberg-Folgen sind etwas durchwachsen). Die gehen zwar alle in Richtung übersinnlich - mysteriös - fantatstisch, aber es sind Musterbeispiele an Plotökonomie, Punktlandung in Sachen Exposition und überraschender Auflösung. Das Spektrum geht bei Twilight Zone von gruselig-beklemmenden Episoden wie The Invaders bis hin zu absolut herzerweichend-rührendem wie Walking Distance. Meine Kurzfilmdrehbücher sind nun auch allesamt eher weniger fantastisch und wesentlich kürzer als diese 20 Minuten-Episoden, aber strukturell lernt man aus denen enorm und dank des Unterhaltungswertes sicher auch spielerischer als bei grüblerischen schwarzweißen oder farbentsättigten Kurzfilmen allerorten. Mag sein, dass deine Stories in eine ganz andere Richtung gehen (die mit der Stubenfliege bewegt sich derweil ganz klar auf diesem Territorium ;) ), doch die Struktur wird sich nicht großartig von der einer Twilight Zone-Episode unterscheiden. Am Ende entwickelst du auch ein gewisses Gespür dafür, einerseits aus deiner Seherfahrung, andererseits wenn du dir ein paar deiner Bücher später durchließt und mit dem zeitlichen Abstand etwas klarer siehst, was drin bleiben muss und was rausfliegen kann.
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