Aufgabe vs. Ziel

Alles rund ums Drehbuch schreiben und die richtige Dramaturgie für Film & TV

Moderator: Kobe

Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Mi Jul 28, 2010 17:52

Auf wordplayer.com habe ich eine gute Kolumne gefunden zum Thema "Ziel des Protagonisten". Ich möchte diese Erkenntnis gerne mit euch teilen:

Jeder Protagonist hat ein Ziel (Goal), das er erreichen will. Aber um sein Ziel zu erreichen, muss er erst eine Aufgabe (Task) erfüllen, im Laufe derer er sich verändert (oder noch stärker hervorgeht). Bei der Erfüllung seiner Aufgabe muss er verschiedene Hindernisse überwinden. Die Aufgabe kann das genaue Gegenteil vom Ziel des Protagonisten sein, das macht die Geschichte noch spannender.

Ohne diese Aufgabe gäbe es keinen Film, denn ein bloßes Ziel ist nicht verfilmbar. Filmen kann man nur das, was tatsächlich passiert. Die Aufgabe ist es außerdem, die einen Film einzigartig macht. Viele Charaktere können das Ziel haben, wieder nach Hause zu gelangen (vgl. Dorothy in "Der Zauberer von Oz" und Marty McFly in "Zurück in die Zukunft"), aber welche Aufgabe sie erfüllen müssen unterscheidet sich.

Die Aufgabe macht letztendlich den Großteil des Filmes aus. Bei ihr wird der Film ganz spezifisch. Hier verbergen sich auch oft die größten Klischees, deswegen sollte man sie sehr gut durchdenken. Sehr oft sieht man beispielsweise, dass der Held am Ende des zweiten Aktes oder in der Mitte des dritten Aktes eine Entscheidung treffen oder von etwas überzeugt werden muss. Das ist nicht filmisch und funktioniert nur sehr selten.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon huckepack » Do Jul 29, 2010 11:39

Mir persönlich hilft die Unterscheidung zwischenn "WANT" und "NEED" einer Figur. Zwischen "was die Figur will" und "was die Figur braucht" ruht das dramatische Potential einer Figur. Zum Beispiel will eine Figur unbedingt die Nummer eins der Tennis Weltrangliste werden. Unter dem Wunsch (WANT) der Figur liegt jedoch das tiefe Bedürfnis (NEED) nach der Anerkennung ihres Vaters. Wenn der Weg zum WANT gegensätzlich zu ihrem Weg zum NEED verläuft, dann ist das Drama perfekt. Je näher die Figur ihrem WANT kommt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem NEED. Die Figur muss ihr NEED erkennen, sich von ihrem WANT verabschieden, um sich sich wandeln und so zur inneren Erfüllung zu gelangen.

So long huckepack.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Do Jul 29, 2010 12:32

Stimmt, so kann man seine Figuren auch konstruieren. Aber die Unterscheidung von Want und Need trifft nicht immer zu, denn manche Figuren verändern sich nicht, sie wachsen nur an ihrer Aufgabe. Zum Beispiel James Bond.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Deckard » Do Jul 29, 2010 15:15

Hallo Sven,

James Bond ist eine statische Figur, sie braucht kein "need".
Ich würde auch bezweifeln, dass Bond an einer Aufgabe "wächst".

Ziel und Bedürfnis sind für dynamische Charaktere gedacht, damit sie sich entwickeln - nach den Gesetzmäßigkeiten, die huckepack beschrieben hat.

Schöne Grüße,

Deckard
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Do Jul 29, 2010 16:49

Genau, das meine ich doch. WANT und NEED trifft also nicht immer und auf jede Figur zu. AUFGABE und ZIEL kann man aber immer als Gesetzmäßigkeit anwenden.

James Bond macht Erfahrungen durch im Laufe der Handlung. Er ist nicht genau derselbe James Bond wie vor dem Film, sonst wäre der Film sinnlos. Sein Charakter verändert sich zwar nicht, wächst aber an Erfahrungen. Seine Verhaltensweisen stellen sich als richtig heraus (im Gegensatz zu den Figuren, die sich ändern müssen um weiter voranzukommen).

Es gibt einfach Charaktere die sind so toll, dass sie die Menschen um sie herum und sogar die ganze Welt verändern, aber sie selbst bleiben so wie sie sind. Forrest Gump zum Beispiel. Im Wordplayer-Forum wird das als "The Arc of Awesome" bezeichnet.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Fr Jul 30, 2010 1:34

Dass WANT und NEED häufig gegenläufig sind, ist ja keine neue Erkenntnis. Es gibt auch Pritagonisten, die sich überhaupt nicht verändern. James Bond ist so ein Beispiel, aber die Bond-Filme sind auch keine Charakterdramas - nicht einmal im weitesten Sinne. Ein anderes Beispiel ist Axel Foley in "Beverly Hills Cop". Der ändert sich auch kein Stück, ruft aber Veränderungen bei seinen Kollegen hervor und zieht sie auf seine Seite.

WANT und NEED ist für mich ein Ansatzpunkt. Es gibt viele Filme, in denen beides sinnvoll zusammen fällt. So zum Beispiel die vielen romantischen Komödien, wo es darum geht, die "Eine" zu erobern. Da ist höchstens der Weg verkehrt... er benimmt sich wie ein Trottel, schiebt sie damit von sich weg, erkennt seinen Fehler und erobert sie im großen Finale zurück, weil er eine Erkenntnis über das "Ich muss sie haben" hinaus gewonnen hat. In "Hitch" beispielsweise kommt Alex (Will Smith) mit seinen Eroberungstaktiken bei Albert (Kevin James) und auch bei sich selbst beinahe zum Ziel - die eroberung der jeweiligen Angebeteten. Am Ende muss er erkennen, dass das Ziel so nur beinahe erreicht werden kann. Am Ende hilft keine Bilderbuchtaktik, sondern einzig das Vertrauen in die eigene Perönlichkeit. Da haben wir zwar ein deckungsgleiches WANT und NEED (Die Frau), aber eben auch ein NEED darüber hinaus: Die Erkenntnis, das man sich selbst vertrauen und sich nicht verstellen sollte. Erst so sind Alex und Albert überhaupt in der Lage, ihre Beziehung zu genießen.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Fr Jul 30, 2010 3:33

Okay, dann hast du Want und Need, wenn du deine Figur(en) so konstruieren möchtest. Wie machst du dann weiter mit dem Storydesign?
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Fr Jul 30, 2010 21:46

Ich habe dafür kein Patentrezept. Und ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die vorher irgendwelche Schablonen anlegen. Erst einmal überlege ich mir eine Geschichte, die ich erzählen will. Dann überlege ich mir, was ich dafür für Protagonisten brauche und wie ich mit ihnen den Konflikt einfädeln kann. Dann kommt Backstory, Handlungsablauf etc. pp.

Natürlich kann man auch von einer bestimmten Figur ausgehen und alles um sie herum entwickeln... aber von solchen Geschichten bin ich nicht der größte Fan. Damit beschneidet man sich häufig sehr stark in den Möglichkeiten, die einem offen stehen. Ich stelle eher das Thema, das die Figur verkörpert, an erste Stelle.

Insofern machen ich auch keine strengen Begriffsunterscheidungen zwischen WANT, NEED, Ziel und Aufgabe. Das Ganze ergibt sich. Man sollte einfach interessante Charaktere und eine interessante Story entwickeln - der Rest ergibt sich von alleine. Langweilig wird es natürlich, wenn alles irgendwie zusammen fällt, es dann gelingt und *tadaa*. Es sei denn, es passiert mit einem Augenzwinkern - wie eben bei James Bond und Axel Foley - oder der Film hat ganz andere Schwerpunkte.

Zu gut deutsch: Jede Figur sollte irgendwann mal ins Straucheln kommen, solange ihre Unverwundbarkeit nicht irgendwie der Witz an der ganzen Sache ist.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Sa Jul 31, 2010 15:36

Für mich klingt das schon nach einem sehr genauen Rezept nachdem du vorgehst. Von alleine entwickelt sich meiner Erfahrung nach nie etwas, selbst wenn es den Anschein hat.

Ich fange meistens genauso an wie du, zuerst kommt die Idee zu einer Geschichte. Schon Aristoteles wusste, dass die Handlung des Stücks wichtiger ist als die Charaktere. Strukturell bedingt können natürlich schon grobe Charakterzüge in den Figuren angelegt sein, aber klarer werden sie erst parallel zur Ausarbeitung des Handlungsablaufs.

Want und Need finde ich zur Strukturierung problematisch, weil dieses Konzept rein vom Innenleben der Figur ausgeht. Das kann man aber später im Film nicht sehen. Ist die Unterscheidung zu subtil, dann geht sie womöglich unter oder kann auf zuviele Arten interpretiert werden (= keine klare Aussage). Ist sie zu krass, dann wirkt sie schnell gekünstelt und unglaubwürdig. Das ist eine ganz klassische Schablone. Sie hat keine Allgemeingültigkeit, wird aber immer wieder herangezogen.
Mit der Unterscheidung in Aufgabe und Ziel dagegen kann man die äußeren Umstände der Charaktere strukturieren und kommt so sehr schnell auf seinen Handlungsablauf. Eines folgt aus dem anderen. Das was passiert, das was man sieht, das ist die Aufgabe. An diesem Punkt überschneiden sich die Handlung und die Charaktere.

Findest du das ist schon eine Schablone? Ich glaube nicht, denn jeder Protagonist hat ein Ziel. Und wenn es nur heißt in Ruhe gelassen zu werden. Was muss er dafür tun? Das ist die Aufgabe.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Tobias » Sa Jul 31, 2010 20:57

Hi zusammen.

Idee = Übergeschichte = Vision

"Shutter Island" oder aktuell auch "inception" sind zwei gute Beispiele woran eine Übergeschichte zu erkennen ist.

In "Shutter Island" ist jemand in sich gefangen und versucht zu finden - wobei er nicht weiß oder verdrängt, wen er da sucht bzw. finden wird.

In "Inception" aggiert jemand in Träumen anderer.

Im Grunde sehr klare "Was Wäre Wenn?" Geschichten, was im Grunde jede Geschichte ist. Aber in den obigen Beispielen ist die jeweilige Übergeschichte das wirklich interessante, um in Menschen Fragen aufzuwerfen - sofern sie ihr Alltag nicht zu sehr ablenkt/in Anspruch nimmt.

Ich glaube eine interessante Idee/Übergeschichte bringt automatisch eine Charaktere mit sich, weil ich als Autor ja in diesem Fall die ERSTE Charaktere bin, der allerdings eine Geschichte erzählen will. So wandelt sich "ich" als Charaktere in die tatsächliche Charaktere der Geschichte.

"WANT" und "NEED".
In "Shutter Island" wäre es der Gefängnis/Anstaltsarzt, der etwas braucht - die Erkenntnis für seinen Patienten. Denn dieser ist auf Grund seiner Krankheit (eben seine Geschichte) nicht fähig zu erkennen.
Was mein Protagonist in diesem Fall "NEED" (braucht), ist ihr hier abgenommen von einer anderen Charaktere. Zwar würde das "NEED" meinem Protagonisten erlösen, aber dazu muss er das Ziel tatsächlich erreichen - ohne es selbst zu wissen.
Zuletzt geändert von Tobias am Sa Jul 31, 2010 23:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Sa Jul 31, 2010 23:13

Ich habe mir jetzt Tobias' beitrag nicht durchgelesen, weil ich Shutter island und Inception noch nicht gesehen habe und mir die Vorfreude nicht verderben will.

Deshalb @Sven:
Naja, irgendwie muss man ja anfangen. Ich gehe so vor, wie es die Geschichte vorlebt. Wenn ich ein charakterzentrisches Drama schreibe, dann kümmere ich mich vorher mehr um die Charaktere. Ich will jetzt allerdings nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich schon etliche solcher Sachen geschrieben...
Viele stehen auf eine Wandlung des Protagonisten. Nehmen wir mal Han Solo, der nur seine Ruhe will aber natürlich doch ein reines Herz hat und sich in Leia verliebt. Nur kann er das alles nicht eingestehen. Da geht WANT und NEED meilenweit auseinander. Wenn du jetzt nur nach Aufgabe und Ziel trennst, dann hast du "Han Solo will wieder raus aus dem Konflikt und mit dem Geld abhauen. Wie macht er das?" Damit würdest du aber dem weichen Kern nicht gerecht, der dem Guten helfen und Leia - nunja - flachlegen will. Deshalb bin ich ja der Ansicht, dass eine klare Schablonisierung nicht unbedingt immer hilfreich ist. Man sollte gucken, was man für Möglichkeiten hat und in welche Richtung man die Geschichte lenken will. Worauf man dann den Schwerpunkt legt, muss man herausfinden und es dann durchziehen. Es kann ja auch bei verschiedenen Protagonisten anders laufen. Luke Skywalker zum Beispiel funktioniert eher nach Aufgabe und Ziel. Sein Ziel ist die Rettung der Welt... WIE er sie retten will ist dann sehr fehlerhaft, er droht zu einem zweiten darth Vader zu werden. Aber WANT und NEED driftet nie auseinander. Er strebt nie nach Macht wie Anakin und kann deshalb die Welt retten - wie er es von Anfang an wollte.
Ich sehe das Ganze also recht entspannt. Im zweifel kümmere ich mich um die Geschichte, einen handlungs- und Spannungsbogen. Nicht darum, in welche Kategorie ich meine Vorgehensweise einsortieren kann.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon huckepack » Mo Aug 02, 2010 12:38

djMedia hat geschrieben:Luke Skywalker zum Beispiel funktioniert eher nach Aufgabe und Ziel. Sein Ziel ist die Rettung der Welt... WIE er sie retten will ist dann sehr fehlerhaft, er droht zu einem zweiten darth Vader zu werden.


Sehe ich anders, Luke Skywalker ist auf der Suche nach seinem Vater, er will ein Jedi werden, genau, wie sein Vater -> WANT. Als Luke jedoch erkennen muss, dass sein Vater der dunklen Seite der Macht verfallen ist und vor hat dass Universum zu unterjochen, wird Luke mit seinem NEED konfrontiert. Luke muss sich von seinem Vater (WANT) emanzipieren, um seinen eigenen Weg (NEED) zu gehen. Umso näher Luke seinem Vater WANT kommt, desto mehr entfernt er sich von seinem NEED, der eigene Weg.

Der emotionale Kern der Geschichte, ist nicht die Frage, ob sich Luke für die "Dunkle" oder die "Guten" Seite der Macht entscheiden wird. Der emotionale Kern von STAR WARS ist die Frage, wird Luke den gleichen Fehler, wie sein Vater machen oder ist Luke stark genug, sich von seinem Vater zu emanzipieren und seinen eigenen Weg zu gehen. Die Rettung des Universums, die beiden Seiten der Macht, sind "nur" äußerliche verbildlichung von Lukes INNEREM Vaterkonflikt.

Im Spannungfeld zwischen WANT und NEED liegt das eigentlich Drama von STAR WARS. Ein Drama welches den kulturellen Konflikt einer ganzen Generation gespiegelt und berührt hat. Eine junge Generation. die seit den späten 60er Jahren im Konflikt mit ihrer Elterngeneration stand. Ton Steine Scherben sangen damals "Ich will nicht werde, wie mein Alter ist", die 68er Generation skandierten "Unter der Talaren steckt der Muff von 1000 Jahren" und die Hippies verkündeten die Revolution der Liebe und lehnten sich gegen den den Krieg der Elterngeneration auf (Vietnamkrieg). STAR WARS verkörperte damit den Grundkonflikt einer jungen Generation, weltweit, und dieser Grundkonflikt war der eigentliche Grund für die STAR WARS Euphorie.

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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Mo Aug 02, 2010 12:57

Soviele Drehbücher habe ich auch noch nicht geschrieben, aber das ist auch nicht so wichtig. Wir sind alle hier um zu lernen und so langsam wird das Thema spannend.

Die "Aufgabe" halte ich noch für ein sehr grobes Konstrukt um die Geschichte aufzubauen. Ziel in Krieg der Sterne ist die Wiederherstellung des Friedens in der Galaxis. Erreicht werden kann das nur durch die Zerstörung des Todessterns. Dass darüberhinaus die Charaktere genauer ausgearbeitet werden müssen, ist klar. Außerdem muss man überlegen, wer Protagonist ist und wer nur eine Nebenfigur. Luke ist offensichtlich die Hauptfigur. Aber was genau ist denn Han Solo?

Huckepack, du sprichst von Teil 2: Das Imperium schlägt zurück. In Star Wars/Krieg der Sterne weiß Luke noch gar nicht, dass Vader sein Vater ist.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Mo Aug 02, 2010 21:55

Sven Maier hat geschrieben:Soviele Drehbücher habe ich auch noch nicht geschrieben, aber das ist auch nicht so wichtig. Wir sind alle hier um zu lernen und so langsam wird das Thema spannend.

Die "Aufgabe" halte ich noch für ein sehr grobes Konstrukt um die Geschichte aufzubauen. Ziel in Krieg der Sterne ist die Wiederherstellung des Friedens in der Galaxis. Erreicht werden kann das nur durch die Zerstörung des Todessterns. Dass darüberhinaus die Charaktere genauer ausgearbeitet werden müssen, ist klar. Außerdem muss man überlegen, wer Protagonist ist und wer nur eine Nebenfigur. Luke ist offensichtlich die Hauptfigur. Aber was genau ist denn Han Solo?

Huckepack, du sprichst von Teil 2: Das Imperium schlägt zurück. In Star Wars/Krieg der Sterne weiß Luke noch gar nicht, dass Vader sein Vater ist.


Luke weiß es noch nicht... ich muss huckepack jetzt insofern verteidigen, dass ein NEED ja nicht auf Wissen basiert. Ich bin auch nicht unbedingt anderer Meinung, aber huckepack geht anders an die Sache ran und hat wieder eine WANT/NEED Konstellation, die ich aus meiner Perspektive nicht hatte. Aber im Grunde unterstützt das meine Ansicht, dass es eine gewisse Vielfältigkeit innerhalb von Figuren und Figurenkonstellationen gibt, die man sich durch zu engstirnige Schablonen nicht kaputt machen sollte.

Was Luke und Han Solo betrifft, denke ich, dass man von einem zweigeteilten Protagonisten sprechen könnte. Luke ist durch und durch edel und z.T. durch diesen ganzen Jedi-Mystizismus etwas entrückt, Han eher der "Schurke", der für die Erdung des Ganzen sorgt und weltliche Probleme wie Finanzsorgen hat. Ich denke, dass einer ohne den anderen nicht funktioniert. In den neuen Episoden sieht man recht gut, wie so eine Figur fehlt... mit Jar-Jar wurde es versucht aber damit ins Lächerliche gezogen.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Tobias » Mo Aug 02, 2010 23:23

Man könnte die beiden auch als "Buddies" benennen. Allerdings mit mehr Gewicht auf die Figur Han Solo. Ihre "Art" kam beim Zuschauer schneller an - vielleicht auch genauso gewollt. Wobei eine solch strukturierte Figur immer gut und schneller ankommt.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Di Aug 03, 2010 9:29

Wieso mehr Gewicht auf Han? Ist es nicht in erster Linie Lukes Geschichte? Ich stimme zu, dass sie ohne Han nicht funktionieren würde. Ein zweigeteilter Protagonist, ja dem schließe ich mich an. Aber meiner Meinung nach ist Luke der Wichtigere von beiden.
Spielt die Tatsache, dass Vader Lukes Vater ist in Teil 1 wirklich eine Rolle für Luke? Der erste Film kann und muss doch auch für sich stehen. Zu Jar Jar sage ich jetzt mal lieber nichts ... :)

Habt ihr schonmal von der Story-Theorie "Dramatica" gehört?

Dramatica unterscheidet Hero (Held), Main Character (Hauptfigur) und Protagonist. Protagonist ist derjenige, der die Geschichte vorantreibt. Hauptfigur ist derjenige, durch dessen Augen wir die Geschichte erleben. Es muss nicht dieselbe Person sein. Wenn es dieselbe Person ist, handelt es sich um einen Helden. Schließlich gibt es noch den Impact Character (Einflusscharakter), der auf die Hauptfigur Einfluss nimmt und sie verändert oder umgekehrt.

Es müssen laut dieser Theorie vier Throughlines (rote Fäden) strukturiert werden, um eine in sich geschlossene, ganze Geschichte zu erzählen:

1. Overall story = Die allgemeine Handlung
2. Main character = Hauptfigur
3. Impact character = Einflusscharakter
4. subjective story = Beziehung zwischen Impact & Main Character

Das hört sich für mich schlüssig an. Man kann darüber hinaus allerdings noch zwei andere rote Fäden beachten:

5. Die Beziehung Zuschauer-Film (was weiß man zu welchem Zeitpunkt)
6. Der "Offscreen-Film" (was wird nicht gezeigt, obwohl es stattfindet). Hierzu gibt es auch eine Kolumne bei Wordplayer
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Di Aug 03, 2010 14:54

@Sven:

Was du da zitierst halte ich nicht für geeignet, damit zu arbeiten. Denn es wirft munter Apekte der Storyentwicklung, der Figurenkonstellation und der Erzählperspektive durcheinander.

"Hauptfigur" ist somit keine Figur, sondern die Erzählperspektive. Da arbeite ich lieber mit dem Begriff "Diegese" von Genette sowie der "Fokalisierung". Ist ein Erzähler intradiegetisch (befindet sich innerhalb der Geschichte) oder extradiegetisch (Erzähler steht außerhalb der Geschichte)? Ist die Geschichte auktorial erzählt (Nullfokalisierung; gottgleiche Perspektive; Erzähler weiß/sagt alles), Aktorial (interne Fok.; Erzähler ist auf dem Wissensstand einer Figur), Neutral (extrene Fok.; Erzähler sagt weniger, als eine Figur weiß).
Ist hauptsächlich aus Büchern erarbeitet, lässt sich aber z.T. auch auf Film übertragen, wobei die Erzählperspektive da wieder sehr stark auch von der Kameraarbeit abhängt. Hält man sich da an eine Figur oder eine Figurengruppe, nennt man das "Position der identifikatorischen Nähe". Da geht es dann auch um die Mittelbarkeit des Geschehens.

Punkt 6. ("Offscreen-Film") gehört auch gesondert behandelt, das ist einfach die bekannte Trennung zwischen Sujet und Fabula. Sujet ist damit die erzählte Geschichte (Das Buch, der Film) und die Fabula ist die pure Essenz der Geschichte, wie sie sich von Anfang bis Ende zugetragen hat. Bei vielen Filmen fällt beides weitestgehend zusammen, bei Filmen wie Pulp Fiction, Memento etc. ist beides völlig unterschiedlich.

"Held" wird z.B. bei Campbell und Vogler auch anders definiert und der "Impact Charakter" heißt bei Vogler "Mentor". Es könnte aber auch der Antagonist gemeint sein.. oder beide? Da ist Vogler doch genauer und auch nicht komplizierter.

Und eines haben gute Ratgeber dieser Art gemeinsam: Sie bezeichnen sich als Hilfsmittel, nicht als Heiligen Gral.

Buchtips:
Martinez / Scheffel - Einführung in die Erzähltheorie
Christopher Vogler - Die Odyssee des Drehbuchschreibers
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Sven Maier » Mi Aug 04, 2010 10:09

Gut, dass du das anmerkst. Mich hatte es zwar verwirrt, aber ich konnte die Verwirrung nicht in Worte fassen. Dennoch hat diese Theorie etwas für sich, bezüglich der roten Fäden. Es kann von jeder Figur mehre geben (Main Character, Protagonist, Impact Character). Auf jeden Fall vielen Dank für die Buchtipps! Vogler selbst habe ich nie gelesen, ich kenne seine Lehre nur aus zweiter Hand. Mir kam sie ziemlich starr vor. Liegt vielleicht auch daran, dass viele die Heldenreise wie du schon sagtest als heiligen Gral betrachten. Das andere Buch kenne ich noch nicht - klingt sehr spannend!

Wenn ich dich richtig verstehe, dann sind Sujet und Fabula Oberbegriffe für Handlungsstruktur und Erzählstruktur. Dann hast du Recht, das sollte man als eigenen Punkt beachten. Beim Offscreen-Film ging es ja nur um einen Unterpunkt davon, um die Auslassung:

In einer Bar sitzen ein Mann und eine Frau an der Theke. Sie blicken sich lange und tief in die Augen. In der Nächsten Einstellung liegen sie in einem Hotelbett (der Übergang ist inzwischen wohl zum Klischee verkommen). Es können aber auch Ereignisse sein, die parallel zur Handlung ablaufen, wie etwa der Zweite Weltkrieg in Schindlers Liste. Das Wissen um den Krieg verstärkt meiner Meinung nach die Wirkung des Films. Die ganze Stimmung wird dadurch beeinflusst. Natürlich setzt das voraus, dass die Zuschauer bescheid wissen. Aber ist das beim Film nicht immer so? Die Sehgewohnheiten beeinflussen die Gestaltung des Films. Nur dadurch entstehen schließlich Klischees, weil sie einfach schon zu oft gezeigt wurden.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon djMedia » Do Aug 05, 2010 1:35

Naja, so eine Auslassung nennt man in der Fachsprache Ellipse. Sie ist aber nur ein Mittel der Erzählstruktur und existiert neben der Analepse (Flashback, Rückgriff) und Prolepse (Flashforward, Vorgriff).

Manchmal werden Ellipsen auch durch Symbolbilder ausgefüllt. Man denke an die Szene in Casablanca, als Rick und Ilsa den Abend verbringen. Dann sieht man einen Leuchtturm, dessen Licht sich einmal dreht und dann sind wir am nächsten Morgen... was also ist passiert, während der Leuchtturm gezeigt wurde? ;)

Die Erzählstruktur setzt sich letztendlich zusammen aus der Linearität und der Erzählperspektive. Zur Erzählpüerspektive habe ich ja im letzten Beitrag was geschrieben.

Es schadet nicht, wenn man diese Basics hat und um sie weiß. Bei der Storyentwicklung mache ich so etwas aber eher nach Gefühl. Die Nullfokalisierung zum Beispiel mag ich bei Filmen nicht besonders, weil sie jede Menge Spannung raubt. In vielen Filmen wechselt die Perspektive auch und folgt unterschiedlichen Personen... Die Herr der Ringe Filme zum Beispiel sind da ein wahres Fest. Sie haben jede gängige Form der Fokalisierung und und tarnen sich z.T. auch noch als andere Form. Und zur Krönung gibt es dann noch eine Kameraarbeit, die sich in dieser Hinsicht anders einordnen lässt, als das Geschehen. Ich glaube aber nicht, dass Peter Jackson & Co. beim Schreiben der Drehbücher an Genette gedacht haben.
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Re: Aufgabe vs. Ziel

Neuer Beitragvon Gargoyle » Fr Aug 06, 2010 11:57

Sven Maier hat geschrieben:Wieso mehr Gewicht auf Han? Ist es nicht in erster Linie Lukes Geschichte? Ich stimme zu, dass sie ohne Han nicht funktionieren würde. Ein zweigeteilter Protagonist, ja dem schließe ich mich an.

In diesem Sinne ist es auch interessant, die beiden Figuren aus einer kognitivistischen Perspektive zu betrachten. Wir identifizieren uns mit Lukes Geschichte, weil er der junge Held ist, der seine Heimat verlässt und zu neuen Ufern aufbricht. Gerade junge Zuschauer haben so eine starke emotionale Bindung an Lukes Situation (Wir sind Luke). Han macht hingegen Eindruck auf uns durch sein Selbstbewusstsein, seinen Instinkt und seine ganze "coole Art". Junge Zuschauer blicken zu Hand als eine Art Rollenvorbild auf (Wir wollen wie Han sein). Der Konflikt der beiden Figuren in der Handlung von STAR WARS reflektiert die Art von inneren Konflikten, die wir selbst allzu gut kennen.
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